SHORTKUTS

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SHORTKUTS

Seit 2015 arbeitet Nino Baumgartner an den Shortkuts, einer Serie von partizipativen und ortsspezifischen Performances. Die Shortkuts entwickelten sich aus Baumgartners Maneuver-Serie: ebenfalls Performances, allerdings ohne Publikumsbeteiligung. Bei den Shortkuts nimmt Baumgartner interessierte Personen mit auf Spaziergänge – wobei die Bezeichnung ‹Spaziergänge› zu lieblich, zu harmlos ist für die Touren, die er mit Publikum unternimmt. Denn selten gehen die Shortkuts ausgetretenen Pfaden entlang: Viel öfters führt der Künstler durch Dickicht und unwegsames Gelände; über Zäune und Bäume; in Schächte und Tunnels. Er tastet sich zusammen mit seinen Gästen vom Ausgangspunkt – dies können eine Schule oder ein Ausstellungsraum sein – langsam vor in die Umgebung; sucht die Brüche in der Stadt und die Wildnis im urbanen Raum.

Baumgartners Touren in der Stadt(-Peripherie) stehen in der Tradition verschiedener Kunstschaffender, die das Gehen als künstlerische Praxis nutzen. Im Gegensatz zu Projekten wie dem Great Wall Walk von Marina Abramovic und Ulay oder den Paseos von Francis Alÿs sind Baumgartners Shortkuts aber explizit auf die Durchführung mit Publikum angelegt, und konträr zu den intuitiv voranschreitenden dérives der situationistischen Internationale plant Baumgartner die Route im Vorfeld: Zuerst studiert er Karten und Stadtpläne, liest daraus Wege ab. Anschliessend rekognosziert er den Ort und die Umgebung, begeht die Strecke, überlegt sich Alternativrouten für Personen, die den Shortkut nicht komplett im Abenteuermodus absolvieren möchten – schliesslich bietet Baumgartner keine (derzeit zwar florierenden) Outdoor-Survival-Trainings an, sondern ermöglicht den Gästen, eine vielleicht bereits vertraute Umgebung neu zu erfahren. Die Touren passieren Übergänge und Zwischenzonen in der Stadt: Orte ohne determinierte Funktionen, Orte, die vor Beginn der Performance keine vorgeprägten Bilder und keine Erwartungen hervorrufen, so dass sich die Gäste unvoreingenommen auf die Erfahrung des Shortkuts einlassen müssen. Erfahren ist in den Shortkuts immer auch körperlich angelegt: Für die Beteiligten stellt der Künstler Utensilien wie Wasserflaschen, Energieriegel, Handschuhe, Babybel oder Äpfel bereit – ein Hinweis darauf, dass die topografisch abwechslungsreichen Routen die Beteiligten körperlich durchaus herausfordern.

Es wird klar: Baumgartners Shortkuts sind keine shortcuts. Obwohl die Wege die Konvention der Abkürzung erfüllen, vorgegebene Wege zu umgehen und aus der Luftlinienperspektive mitunter wie Abkürzungen aussehen, verringern die Shortkuts die Gehzeit nicht. Baumgartners «Abkürzungen» führen vielmehr den Begriff der Abkürzung ad absurdum: Denn der direkteste Weg ist manchmal eben nicht der schnellste, wenn «direkt» bedeutet, dass man Abhänge herunterrutschen oder Hindernisse überwinden muss. «Abkürzung» im Shortkut bedeutet, dass Unerwartetes auch in einer vertrauten Umgebung, direkt vor der eigenen Haustüre gefunden werden kann.

Text: Sarah Wiesendanger


Im Gestrüpp sein

Erdlache

Geäst

Bunkerlüftung

Kritische Studie im gefährlichen Wald

Das Gestrüpp abstreifen

Kurz die Mütze lüften

Bunker, kurz den Bunker lüften

Der Künstler hat mich dreckig gemacht.

Text: Florian Rubin, Gedanken nach dem SHORTKUT am  Migma Performance Festival im Kunstpavillion in 

Luzern 2022